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 Mai / Juni 2002 

    Igelhilfe – natürliche Auslese – biologisches Gleichgewicht  
 

In den letzten drei bis vier Jahrzehnten wird der Mensch auf den Igel aufmerksam. Das sonst so ruhige und eher unscheinbare Tier tritt in den Interessenkreis des Menschen. Mehr und mehr gerät diese Tierart in die Gefahr, zu den gefährdeten Arten zu zählen. Die Zivilisation sorgt dafür – wie schon so oft. Naturfreunde erkannten diese Gefahr und sorgten für Abhilfe. Erst waren es einzelne Pfleger, dann entstanden Stationen und schließlich wurden auch Vereine gegründet. Viele dieser Vereine begehen in diesen Jahren schon ihr 10.jähriges Jubiläum. Dieser positive Trend begann in den alten Bundesländern wegen des größeren Umweltbewußtseins früher als in den neuen.

Mit diesen Aktivitäten für den Igel treten aber auch Menschen auf den Plan, die diese Bemühungen eher skeptisch sehen oder sogar vehement ablehnen. Diese Vertreter kommen aus den Reihen von Forstleuten, Wildbiologen, Tierärzten und Umweltorganisationen. Zum Glück für den Igel sind diese " Ablehner " jedoch in der Minderheit. Trotzdem führen ihre Meinungen oft zu Irritationen. Da stellt sich schon zum Anfang die Frage, warum diese Leute nicht uns unsere Arbeit machen lassen wollen. Haben Sie keine eigenen Probleme, in die wir uns doch auch nicht einmischen?

So erschien 1998 in einer tiermedizinischen Zeitschrift ein Artikel unter der Überschrift " Der Igel kein Haustier: Jungtiere nicht im Haus überwintern". Autoren sind vier "Igelfachleute", darunter ein Tierarzt eines Zoologischen Gartens, ein Mitarbeiter einer Bundesanstalt, ein Mitarbeiter eines Grünflächenamtes und die Vorsitzende eines Tierschutzvereins. Frau M.Neumeier von pro Igel e.V. und ich (Igelfreunde Sachsen-Anhalt e.V.) nahmen dazu Stellung. Darüber hinaus lud ich die vier Verfasser zu einer Fachtagung "Igel" am 15. und 16.5.98 nach Wittenberg ein. Hier hätten sie vor Igelbetreuern ihre Meinung vertreten können. Was ich erwartet hatte: drei Absagen ( in einem Falle fühlte man sich plötzlich nicht mehr berufen) ein Autor ignorierte völlig- auch das sagt genug über die Kompetenz solcher angeblichen Fachleute. Ein weiteres Beispiel: in der Homepage eines sächsischen Regionalverbands des Nabu erschienen 11/2 Seiten über den Igel. Erstaunlich, wieviel Unwissen auf auf diesem geringen Platz untergebracht war. Auch hier wurde von pro Igel e.V. und uns interveniert, mit dem Erfolg, daß die Seite nach einem Tag herausgenommen wurde. Aber auch hier wurde das Angebot unserer Vereine, zu helfen, ignoriert. So weit zwei Beispiele, es sind nicht alle!

Kommen wir zu den Gründen, weshalb unsere Igelhilfe mitunter abgelehnt wird. Dabei wird meistens versucht, diese Ablehnung "wissenschaftlich" zu untermauern.

Ein Argument ist, daß Igel aus Spätwürfen wieder zu Spätwürfen führen würden. Gegenargument: Wurfgrößen, Wurfzeit etc. sind genetisch fixiert. Hier läßt Lamarck (18./19.Jhdt) grüßen. Vererbung erworbener Eigenschaften. Es ist längst bestätigt (beginnend bei A. Weismann bis heute), es gibt keine Vererbung erworbener Eigenschaften. Die Merkmalsausbildung geht immer vom Genotyp zum Phänotyp und nicht umgekehrt, es ist eine Einbahnstraße. Empfehlung: "Ergebnisse von Freilandbeobachtungen sowie von parasitologischen und bakteriologischen Untersuchungen bei in menschlicher Obhut überwinterten juvenilen Igeln" (1984 –1992) Autoren: Dr. med.vet. U. Biewald, Dr. med. vet. F. Fiolka, Dr. med. vet. M. Schicht-Tinbergen, M. Schubert. Wiss. Leitung: OVR Prof. Dr.sc. H. Wunderlich. Zu beziehen bei Pro Igel e. V. Lindau /Bodensee.

Ein weiteresArgument: wir würden in die natürliche Auslese eingreifen. Hier sei zunächst empfohlen, einmal bei Darwin nachzulesen. Der Begriff natürliche Auslese wird immer nur als Schlagwort benutzt, hinter dem sich kaum Grundlagenwissen verbirgt. Und wir sagen es deutlich, ja wir greifen in dieses natürliche Geschehen ein – aber positiv. Zur Begründung. Darwin sieht in der natürlichen Auslese einen Evolutionsfaktor. Es handelt sich dabei im wesentlichen um abiotische Umweltfaktoren (Klima, Boden, Wasser Nährsalze etc.). Dieser Evolutionsfaktor führt mit anderen zur eventuellen Ausbildung neuer Arten. Der Zeitraum wird in Jahrhunderttausenden bzw. Jahrmillionen gemessen. Was unsere Kritiker eigentlich meinen, ist das biologische Gleichgewicht, in dem natürlich die Auslese eine wichtige Rolle spielt. Sie sollten sich dann allerdings auch vor Augen halten, daß Darwin auch von einer künstlichen Auslese spricht. Über diese Zusammenhänge sollten sie einmal gründlicher nachdenken, bevor sie voreilige Schlüsse ziehen. Als Zwischenbemerkung sei mir gestattet festzustellen, daß unsere Tätigkeit angesiedelt ist zwischen Naturschutz und Tierschutz, und durch letzteres einen ethischen Aspekt bekommt.

Und damit zum biologischen Gleichgewicht: Das biologische Gleichgewicht ist kein statisches Gleichgewicht, vergleichbar mit dem Stillstand der Balken einer Waage. Das biologische Gleichgewicht ist ein Fließgleichgewicht, das sich ständig ändert und immer wieder neu einstellt. Wird ein solches Gleichgewicht zu stark belastet "kippt es um " , ein Biotop z.B. stirbt.

Populationsverhältnisse stellen sich in der Regel als eine Sinuskurve dar. Dabei können Maximum, mittlere Populationsdichte und Minimum unterschieden werden. Die Regulationsmechanismen sind unterschiedlich. Das können Beute-Räuber-Beziehung, Nahrungsmittelangebot, Hormonsituation u.a. sein. Konstruieren wir dazu ein einfaches, auch dem biologischen Laien verständliches Beispiel. Ein nicht näher definiertes Gebiet (Hausgarten , Schrebergarten etwa) beherbergt drei Igel, zwei Männchen und ein Weibchen. Im Frühsommer wirft das Weibchen sechs Junge.

  1. Nach einigen Wochen sind durch Krankheit oder einen Räuber drei Tiere tot. Drei Jungtiere überleben, verlassen das Gebiet. Die Arterhaltung ist gesichert.
  2. Nach einigen Wochen wird das Muttertier überfahren. Das Nest wird nicht gefunden, die Jungtiere müssen sterben. Im betrachteten Gebiet bleiben zwei Männchen übrig. Erst das Einwandern eines weiblichen Tieres sichert die Arterhaltung.
  3. Situation wie unter 2. Das Nest wird jedoch gefunden, die Tiere werden betreut. Vier davon sterben (Vorschädigung, Krankheit etc). Diese Tiere werden im gleichen Jahr oder
nach Überwinterung der Natur zurückgegeben.

Ist das Überfahren der Igelin und die nachfolgende Situation natürliche Auslese oder wurde sie vom Menschen künstlich hervorgerufen. Es ist naiv, hier von natürlicher Auslese zu sprechen. Wurde im Fall 3 der Natur Schaden zugefügt, oder hat der Mensch dafür gesorgt, einen durch ihn verursachten Schaden zu minimieren? Darüber sollte sich doch mancher Kritiker Gedanken machen, bevor er sich zu Wort meldet. Dieser "Autounfall" ist häufig, jedoch nicht das einzige vom Menschen initiierte Übel.

M. Neumeier gibt in ihrem neuesten Buch "Das Igel- Praxisbuch (Kosmos-Verlag) auf den Seiten 30 bis 33 eine Auflistung der Gefahren für den Igel, die wenigsten sind Faktoren der natürlichen Auslese. Ich gestatte mir, diese Auflistung original zu übernehmen: Rasenmäher, Tellersensen, Kantenschneider, Laubsauger, Vogelnetze in Obst- und Weinbau,, Grabe- und Mistgabeln, Schnüre, bzw. Folien von Heu- und Strohballen, Drahtrollen, Fischernetze, Kellerfenster, Lichtschächte, Kellertreppen, Garten- und Brauchtumsfeuer, Maschendrahtzäune, Gruben, Schächte, Gräben, Hülsen von Wäschespinnen und Fahnenmasten, Gartenhäuser, Garagen, Büchsen, Becher, Plastiktüten, Müllsäcke, Hunde, Insekten –und Unkrautvernichter, Kunstdünger, Mäuse- und Rattenfallen und Giftköder, desweiteren Monokulturen, Verinselungen, Pestizide und Herbizide in der Landwirtschaft, Flächenverbrauch und noch einmal als besondere Gefährdung: der Verkehr.

Als weitere Gegenargumente werden angeführt: in menschlicher Obhut überwinterte Tiere fänden keinen Lebensraum in der Natur, da schon von anderen Igeln besetzt. Das ist übrigens in abgewandelter Form ein beliebtes Argument gegen das Füttern der Vögel im Winter. Hier trifft es die Zugvögel, die angeblich im Frühjahr alle Plätze besetzt fänden.

Auch hält man entgegen, obengenannte Tiere fänden sich in der Natur nicht zurecht usw. Auch hier ist wieder die Arbeit der Forschungsgruppe Igel Berlin empfehlenswert.

In der Praxis finden wir noch weitere Argumente. Es würde zu weit führen, sie zu erörtern, denn sie sind in der Regel leicht zu entkräften.

Bei allen diesen Gegenargumenten ist eines immer wieder gefährlich, wenn versucht wird, diese wissenschaftlich zu verbrämen. Die Meinung , daß Spätwürfe wieder zu Spätwürfen führen würden, hat seinen gedanklichen Ursprung ganz wo anders als in der Genetik.

Fazit:

Die meisten Igelbetreuer sind bestrebt, wirklich hilfsbedürftigen Igeln zu helfen. Ein wahlloses Einsammeln von Igeln im Herbst lehnen wir ab. Ein viel gebrauchter Ausspruch " Herbstzeit ist Igelzeit " ist nicht in unserem Sinn. Wir sind in erster Linie an der Erhaltung, bzw. Schaffung igelfreundlicher Biotope interessiert. Wenn Igel überwintert werden müssen, dann geschieht dies artgerecht. Die Igelbetreuer sind immer bereit, ihr Wissen zu erweitern. Das zeigt das Interesse an Weiterbildungsveranstaltungen, wie die beiden Tagungen von pro Igel e.V. (Stuttgart 1993 und Münster 2001), sowie die seit 1999 jährlich (Ausnahme 2001) stattfindenden Tagungen von Igelfreunde Sachsen – Anhalt e.V. in Lutherstadt Wittenberg. In den vergangenen Jahren wurde die Igelbetreuung quantitativ und vor allem qualitativ verbessert.

Aus obengenannten Fakten heraus ist es deshalb nicht nachvollziehbar, weshalb immer wieder aus unerklärlichen Gründen gegen unsere Arbeit argumentiert wird. Ohne eine bumerangähnliche Gegenkritik auf den Weg zu schicken, sei dennoch angemerkt. Alle diese Kritiker haben ihre eigenen Aufgaben und sollten diesen eventuell mehr Aufmerksamkeit schenken. So sollten sich Forstleute durchaus einmal kritisch mit dem Jagdsport befassen, der kaum Hege, aber Fleischerwerb und Trophäensucht beinhaltet. Wie stehen Wildbiologen zu den Problemen des Biberschutzes, wenn zum Schutz vor dem Biber diese in osteuropäische Länder verbracht werden. Viele Tierärzte haben wenig Erfahrung mit dem Wildtier Igel. Sie könnten ihre Diagnose – und Therapiemöglichkeit durchaus verbessern. "Schutzverbände" würden gut tun, sich einmal genauer über die Tätigkeit von Igelbetreuern zu informieren. Mitglieder solcher Verbände sollten, wenn sie sich zu Wort melden, nicht nur von ihrer Naturliebe ausgehen, sondern sich vorher ein solides Wissen um die Sache aneignen.

Kritik ist gut, aber sie muß helfen. Kritik bringt die Entwicklung voran. Falsche Kritik hemmt sie und führt zu Irritationen.

Gehen wir doch einfach unserer eigenen Arbeit nach und achten die Arbeit der anderen, dann hilft das uns und der Natur – in unserem speziellen Fall dem Igel.

Empfehlenswerte Literatur:

- Darwin, Ch. " Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl", Ph. Reclam Jun. Leipzig

- Neumeier, M. " Das Igel Praxisbuch " , Franckh-Cosmos Verlags-GmbH & Co., Stuttgart, 2001

- Ergebnisse von Freilandbeobachtungen sowie von parasitologischen und bakteriologischen Untersuchungen bei in menschlicher Obhut überwinterten juvenilen Igeln (Erinaceus europaeus L. 1758) – Abschlußbericht der Forschungsarbeiten aus den Jahren 1984 – 1992)

Von Ursula Biewald, Frauke Fiolka, Maartje Schicht-Tinbergen, Manfred Schubert, wissenschaftliche Leitung: Hans Wunderlich, Lindau / Bodensee- Pro Igel- Verein für integrierten Naturschutz Deutschland e.V.

-Biologie Oberstufe – Gesamtband – herausgegeben von Prof. U. Weber, Süßen – Cornelsen / Volk und Wissen- Berlin

Schriftenreihe RWI

 

 

 

J. Dorschner ( Gymnasiallehrer für Biologie i. R. ) ã 2002